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Rede des Schulleiters zur Übergabe der Reifezeugnisse am 17. Juni 2021

Rede des Schulleiters zur Übergabe der Reifezeugnisse am 17. Juni 2021

Rede des Schulleiters zur Übergabe der Reifezeugnisse am 17. Juni 2021

Rede des Schulleiters zur Übergabe der Reifezeugnisse am 17. Juni 2021
Rede des Schulleiters zur Übergabe der Reifezeugnisse am 17. Juni 2021

Rede des Schulleiters zur Übergabe der Reifezeugnisse am 17. Juni 2021

Generation „Corona“ oder wie ich es jüngst gelesen habe „Generation Corona-Kokon“. So hört man es nun vielerorts, wenn man über die derzeitige Jugendgeneration spricht. Gemeint seid ihr, liebe Abiturientinnen und Abiturenten.

 

Ich begrüße Sie und euch, liebe AbiturientenInnen, liebe Eltern, liebes Kollegium und Freunde der DEO Kairo zur feierlichen Übergabe der Reifezeugnisse. An dieser Stelle beglückwünsche ich Euch zum bestandenen Abitur. Meine Glückwünsche gelten ebenso euren Eltern und Euren LehrernInnen.

 

Generation „Corona“ oder „Generation Corona-Kokon“. Ich bin mir nicht sicher, ob man bei euch, liebe Absolventinnen und Absolventen, diese Generationsbezeichnung verwenden soll oder überhaupt kann. Möglicherweise wird sie euch gar nicht gerecht oder ihr lehnt eine solche Bezeichnungsweise von vornherein ab, was ich durchaus verstehen könnte.

Fest steht, dass sich mit Beginn des Jahres 2020 die Welt für uns alle und besonders für euch radikal verändert hat und wir alle mit Herausforderungen umgehen mussten und noch müssen, die uns schon jetzt prägen und unsere gewohnten Lebensweisen und         Lebensgewohnheiten beeinflussen und sicherlich auch verändern. Euch trifft daher ganz besonders die Zeit der Pandemie, da sie in einer wichtigen Entwicklungsphase eures Lebens stattfindet: dem Übergang vom Jugendlichen zum Erwachsenen und in einer der wichtigsten Abschlussphase der schulischen Bildung, der Zeit in der Oberstufe und dem Abitur.

Fast die Hälfte Eurer dreijährigen Oberstufenphase war davon betroffen: am 18. März 2020 kam es zu einer vollständigen Schulschließung, nach den Sommerferien hatten wir dann Präsenzunterricht mit teilweisen Schließungen der Klassen und ab Ende Januar dann wieder vollständigen Onlineunterricht mit Aussetzung des mündlichen Abiturs.

Für uns alle waren und sind dies große Herausforderungen, mit denen wir gemeinsam umgehen mussten und noch müssen, da die Pandemie noch längst nicht vorbei ist.

In dieser Zeit habt ihr mit dem Bestehen des Abiturs bewiesen, dass ihr die Herausforderungen angenommen und bewältigt habt. Ihr musstet für euch persönlich und in euren Familien mit der Angst einer Erkrankung an Covid19 umgehen lernen. Ihr selbst oder jemand in eurem Familien- oder Freundeskreis war erkrankt oder ist sogar an den Folgen der Krankheit verstorben.

Ihr ward zuhause isoliert. KlassenkameradenInnen und Freunde waren überwiegend nur virtuell erreichbar. Eure gewohnten Freizeitbeschäftigungen waren nur eingeschränkt oder gar nicht durchführbar. Ihr musstet euren Tag zum Teil selbst und neu strukturieren, Schule fand nicht in der gewohnten Umgebung und im gewohnten Klassenverband statt, es gab keine Schulveranstaltungen, keine Abiturfahrt, keinen Abiball, keinen Abistreich usw. Das bedeutete, dass besonders das soziale Leben, das im letzten Schuljahr und während der Abiturprüfungen eine ganz spezifische, unvergessliche Qualität hat, für euch leider wegfiel.                                                         In der Auseinandersetzung mit diesen schwierigen Rahmenbedingungen habt ihr aber auch in dieser Zeit ein hohes Maß an Eigenständigkeit, Selbstorganisation und Durchhaltevermögen erworben und bewiesen. Ihr habt dabei psychische Stärke in einer Zeit der Unsicherheit und Angst gezeigt. Ihr habt es geschafft, euer soziales Leben und Lernen völlig neu zu strukturieren, konntet ihr doch nicht mehr im Klassenverband lernen oder euch mit euren Mitschülern in der Schule austauschen, hat Corona doch das individuelle Lernen im sozialen Kontext weitgehend aufgelöst und die Verlässlichkeit der sozialen Erfahrung stark gemindert. Ihr musstet mit ungewohnten Zeitmustern zurechtkommen. Gleichzeitig ist es euch gelungen, sich schnell in die Technik und Methodik des Onlinelernens einzuarbeiten und habt euch dadurch im digitalen Lernen hervorragend weiterentwickelt, was euch in eurem weiteren Bildungsweg und beruflichen Entwicklung sicherlich von Vorteil sein wird. Ich möchte euch meinen ganzen Respekt für eure erfolgreiche Bewältigung der Herausforderungen dieser besonderen Zeit aussprechen.

Diese Zeit stellte aber auch Sie, liebe Eltern, vor große Herausforderungen und Umstellungen. Sie haben sich Sorgen um die Vorbereitung auf das Abitur Ihrer Kinder gemacht, mussten deren Arbeitsplatz zu Hause entsprechend digital umgestalten und sicherlich auch die eine oder andere Hilfestellung geben. Gleichzeitig waren Sie vielleicht auch selbst im Homeoffice beschäftigt und mit den Auswirkungen der Pandemie direkt betroffen und dadurch mehrfach belastet. Und bestimmt mussten Sie Ihr Kind manchmal auch motivieren oder trösten, wenn Zukunftsangst oder Frustration über die Situation es psychisch belasteten. Ich danke Ihnen sehr herzlich dafür.

Und last but not least: Liebes Kollegium, auch Sie haben für die hier anwesenden AbiturientenInnen ihr Bestes gegeben, sich in digitale Unterrichtsmethoden eingearbeitet und unter diesen Bedingungen eine bestmögliche Vorbereitung auf das Abitur geleistet. Sie mussten ständig flexibel und kurzfristig auf Schulschließungen und -öffnungen oder Quarantäne- und Hygienemaßnahmen reagieren. Das alles waren Herausforderungen, wie sie in keinem Referendariat oder keiner Lehrerausbildung vorher jemals vermittelt wurden. Auch Ihnen möchte ich Ihnen meinen herzlichsten Dank für die gelungene, in dieser Zeit besonders fordernde Arbeit aussprechen.

 

 

Eines der namhaftesten Marktforschungsinstitute in Deutschland, das Rheingold Institut in Köln, spricht von der Generation „Corona-Kokon“. Die Autoren zeigen in einem Artikel vom 16.4.2021 die Folgen der Pandemie bei Jugendlichen im Alter von 16 bis 29 auf und bezeichnen die Corona-Zeit als einen Kokon, bei dem sich aus einer verpuppten Raupe ein Schmetterling entwickelt. “Ein Kokon höre sich zunächst einmal gemütlich an und wurde im ersten Lockdown von vielen auch so empfunden“, erläutert Birgit Langebartels, Psychologin beim Rheingold-Institut. Aber der Kokon sei erzwungen, nicht selbst gewählt. Im zweiten Lockdown sei die andere Seite stärker zu Tage getreten: „der unausweichlich enge, klebrige Bewegungsraum.“ Dadurch könne vieles von der Jugend-typischen Entwicklungsarbeit – sozusagen von der Raupe zum Schmetterling – nicht geleistet werden: sich z.B. von den Eltern zu lösen, sich zu verlieben, Grenzen zu erfahren. „All das muss nachgeholt werden, es kann nicht übersprungen werden“, warnt die Psychologin. „Da müssen wir den jungen Menschen mittelfristig nach der Pandemie unbedingt den Entwicklungsraum für lassen.“

 

Liebe AbsobventenInnen. Es gibt also eine Zeit nach der Pandemie und es wird ganz bestimmt den Raum, Versäumtes nachzuholen, für euch geben. Ich bin da sehr optimistisch und weiß, dass ihr euch langsam, aber sicher, aus dem Kokon von Corona, aber auch der Schule, befreien und als gestärkter Schmetterling in die Welt fliegen werdet. Ich wünsche euch und bestärke euch darin, dass ihr die vielen Entbehrungen, die ihr erleiden musstet, nachholen könnt und möglicherweise die Erfahrungen dabei noch mehr zu schätzen lernt. Ich hoffe für euch, dass ihr besonders die letzten anderthalb Jahre nicht nur als schwierige, sondern auch als eine positive Zeit empfunden habt, die euch in vielen Bereichen nach vorne gebracht hat und vielleicht ganz neue Potentiale in euch wecken konnte.

Ich bin mir sicher, so wie wir euch bisher kennengelernt haben, dass ihr euren Weg erfolgreich gehen werdet. Das Rüstzeug hierzu haben euch eure Eltern, eure LehrerInnen, die Schule in ihrer Gesamtheit mitgegeben. Jetzt liegt es an euch, den Kokon zu verlassen und als bunter Schmetterling in die Welt zu fliegen, an dem sich alle erfreuen dürfen. Dazu wünsche ich euch alles erdenklich Gute und Gottes Segen.

 

Roland Harken, Oberstudiendirektor

Leiter der Deutschen Evangelischen Oberschule Kairo

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